Der Thomas 3

Sansibar Teil 1

Mit einer IL 62 flogen wir August 1970 von Berlin Schönefeld nach Kairo.

Dort hatten wir einen Tag Aufenthalt. Meine Mutter, mein Stiefvater und ich nutzten ihn um die Pyramiden zu besuchen und die kleinen Gassen um unser Hotel zu bestaunen. Es war überwältigend, diese Eindrücke, diese Farben, die Gerüche, der Schmutz und die Schönheit. Handarbeit, Kinderarbeit, kleine Kinder, so alt wie ich, die in einen Kupferteller eine schönen Gravur einarbeiten.

Von Kairo flogen wir mit einer Boeing nach Daressalam.
In Daressalam verbrachten wir eine Nacht und am nächsten Morgen stiegen wir in ein kleines, viersitziges, zweimotoriges, rotes Propellerflugzeug und flogen so tief zur Insel, dass man die Schiffe und Boote erkennen konnte.

Sansibar ist nun mein Zuhause. Unweit der Stone Town bezogen wir ein großes Haus mit Garten. Dort lebten wir alleine auf der zweiten Etage. Alleinsein war nun eine meiner Hauptbeschäftigungen am Abend. Meine Eltern hatten immer etwas zu tun. Und so lernte ich das allein sein kennen. Meine eingeschränkte Bereitschaft dies hinzunehmen wurde mit: „gut zureden oder auch geschimpft“ begegnet. Immer wieder raus laufen und weinen halfen nichts.

Um es auch wirklich „genießen“ zu können, schlief ich auf der einen Seiten des langen Flurs und meine Eltern auf der anderen. Bei meinen Erkundungen im Haus entdeckte ich meine Zuckertüte. Sie war schon gefüllt und obenauf befand sich ein Ball.

Dann der Umzug in ein zweistöckiges Haus in dem auch die Schule untergebracht war. Diese befand sich Obergeschoss. Den Grundriss unserer Wohnung hat meine Mutter damals so aufgezeichnet.

Mit im Haus lebten Kakerlaken und beim Nachbarn eine Meerkatze.

Es gab viele Katzen, zu viele. Ein Kater wurde in den Kofferraum gesperrt und weit weggefahren. Nach drei Tagen war er wieder da.
Ein riesiger Garten, über eine lange Treppe konnte man zum Strand laufen. Am Strand verbrachte ich Stunden. Ebbe und Flut. Krebse in Schneckengehäusen und ohne.

Die Sonnenuntergänge waren unbeschreiblich schön und einmal im Jahr leuchtete das Meer, wenn Millionen von Kleinstlebewesen Licht erzeugten.

Braun gebrannt, blonde Haare, hell graublaue Augen und drahtig, so wurde ich von meiner Mutter beschrieben.

Auch im neuen Haus war ich oft alleine und lernte die Angst kennen. Ich behaupte das Angst zuvor für mich kein Thema war. Diese Angst hat mich dann in meinem Leben sehr lange begleitet. Sogar an Feiertagen wie Weihnachten und Silvester war ich Nachts alleine. Meine Mutter und mein Stiefvater mussten in der Residenz feiern.

In Sansibar wurde ich am 12.09.1971 eingeschult. Gab es zum Anfang noch 12 Schüler, die 1. Klasse hatte mit mir noch zwei andere Kinder, verringerte sich die Anzahl immer mehr auf einen Schüler. Ich wurde schließlich von meiner Mutter unterrichtet.

Zur Überprüfung meiner Lernfortschritte flog ich nach Daressalam an die dortige Botschaftsschule.

Da kann man nichts machen, ich habe eine zu geringe Auffassungsgabe und bin doch nicht so intelligent wie erhofft.

Am Strand konnte man Kilometer weit laufen. Auf der rechten Seite war der Strand oft Schwarz, dort wurde die Asche der Toten ins Meer gestreut.

In meinem Kinderzimmer im Schrank war ein Klappfach, hinter diesem fand ich ein Mosaikheft.
Manchmal sahen wir Filme, einen weiß ich noch: „Die Reise nach Bamsdorf“.

Besuche bei der FDJ – Patenbrigade waren schön, dort gab es einen Tischspringbrunnen der Nebel erzeugen konnte. Und ich habe bei einem Vorspiel „Häschen in der Grube“ einen Füller gewonnen. Die FDJler bauten in Sansibar das sogenannte Neu – Berlin.

Ungeeignet für die Tropen, war damals aber egal.

Die Spaziergänge über den Mark waren eindrucksvoll. Bananen aller Größen, Muscheln auf dem Boden und gegrillte Tintenfischarme. Enge Gassen und schöne Türen.

Das Eis an der Uferpromenade  schmeckte herrlich und wenn am Abend die Flughunde von den Inseln geflogen kamen war es einfach schön.

Schön waren auch die Ausflüge an den Wochenenden. Wir fuhren an andere Strände oder besuchten die Schildkröteninsel. Dort ritt ich auf riesigen Schildkröten und wir besuchten die Sklavenhändlerruinen.

Man konnte baden und auf der Luftmatratze liegend die wunderbare Unterwasserwelt erleben.
Die Fahrt dorthin im Einbaum super. Super anstrengend für die betagten Motoren, oft vielen sie aus. Den Geruch von Salzwasser, Öl, Holz und Benzin habe ich noch heute in der Nase. Auf die Schlangeninsel durfte ich nie.

Meine Salzwasserfische lebten in der Badewanne, leider nie lange. Süßwasser ist tödlich. Oder ich spießte sie auf und trocknete sie am Baum. Meine Ameisen gab es ja auch und sie freuten sich über Futter.

Eine Sonnenfinsternis haben wir auch erlebt.

Bei einem Einbruch in unserem Haus wurde in der Küche alles gestohlen nur mein Kakao war noch da. Der Präsident hatte zum Anlass der Revolutionfeierlichkeiten 600 Gefangene freigelassen. Einer war bei uns. Keiner hat mir geglaubt, dass ich den Dieb an meinem Fenster gesehen habe. Ich wurde wieder in mein Bett geschickt. Ich blieb, auch nach dem Einbruch, oft alleine im Haus. Es gab ja jetzt Wachleute. Diese habe ich aber Nachts nie bemerkt.

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4 Kommentare Gib deinen ab

    1. schwester sagt:

      ein veröffentlichter Brief einer Person ohne ihr Zugeständnis – Datenschutz? Und Rücksichtnahme vor Gefühlen der Betreffenden? Ich hab Bauchschmerzen dabei.

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      1. babelpapa sagt:

        Die Genehmigung zumindest der einen Person liegt vor, die andere Person ist unbenannt und nur die Familie kennt den Namen. Also kein Problem.

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